Arbeitsassistenz – Braucht man das?

Vielleicht sollte ich vorher erst einmal erklären, was eine Arbeitsassistenz eigentlich ist 🙂
Im wesentlichen ist es ein persönlicher Assistent, den Menschen mit Behinderungen einstellen können, um Kommunikationshürden im Arbeitsalltag zu überwinden. Seien es Telefonate oder das Tragen von Unterlagen, Rechercheaufträge oder dergleichen.

Zugegeben, ich selber bin davon nicht betroffen, und für mein Kind ist es auch noch viel zu früh.

Sozialgesetzbücher
IMGP1507 von sebibrux (CC-BY-NC)

Aber es ist in meinen Augen hilfreich und sinnvoll, sich schon jetzt Gedanken darüber zu machen. Denn wir sind hier in Deutschland noch am Anfang eines weiten Weges.

Ich skizzier kurz einmal ein Bild, wie es Herr Büter vom Landesverband der Gehörlosen Baden Württemberg e.V. in seinem Thesenpapier zusammengetragen hat. Dabei beruft er sich u.a. auf Pressemitteilungen von Destatis vom September 2012.

Demnach haben wir Ende 2012 ungefähr 7.300.000 schwerbehinderte Menschen in Deutschland. Das entspricht 8,9 % der Bevölkerung. Davon leben ca. 900.000 in Baden-Württemberg. Von diesem wiederum sind mehr als 37.000 hörbehindert. Kommt ihr noch mit? Vielleicht füge ich später ein Diagramm ein. Bitte im Kommentarbereich nachfragen 🙂

So, also 37.000 Menschen in Baden-Württemberg, die für ihre Arbeit eine Assistenz benötigen. Wofür eigentlich?
Na ja, versuch einmal, einen Tag auf Arbeit ohne Kommunikation zu überstehen: Kein Gespräch beim Kaffeeautomaten, keine Anweisung vom Chef, kein Nachfragen beim Kollegen? Geht nicht? Na, dann schau einmal, was Gehörlose tagtäglich leisten müssen! Das wird vor allem in der Probezeit wichtig, wenn für einen neuen Job Einweisungen notwendig werden.

Kein Problem, könnte man jetzt sagen. Immerhin haben die Schwerbehinderten einen Rechtsanspruch auf eine Arbeitsassistenz.
Na ja, auf der anderen Seite gibt es nur 16 (!) Integrationsfachdienste im Raum Baden-Württemberg, die 60 Dolmetscher (Schriftdolmetscher, v.a. für Schwerhörige oder Gebärdensprachdolmetscher für dei Gehörlosen) vermitteln können. Beschränken wir uns jetzt auf die ca. 8.000 Gehörlosen, macht das immer noch 133 Gehörlose für einen Dolmetscher! Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen!

Aber es geht noch weiter: Der Dolmetscher will ja schließlich bezahlt werden. Dafür wird dem Hörbehinderten ein Persönliches Budget über 1.000 € eingeräumt. Wenn wir dann noch mit dem alten Honorarsatz von 55 €/h (jetzt 75 €/h) rechnen und die (ebenfalls zu bezahlenden) Fahrt- und Wartezeiten ausblenden, können wir eine kleine Rechnung aufmachen:

1000 [€] / 55 [€/h] = 18,18 [h].
18,18 [h] / 160 [h] = 11,36 % eines Monats (4*40 Stundenwochen)
11,36 % / 4 = 2,84 % einer Woche.

Also können Hörbehinderte sich nicht einmal 3 % Kommunikation leisten. Schön wäre es, wenn man jetzt „ganz einfach“ das Budget aufstocken könnte – allerdings müssen aus dem Topf die Bedürfnisse für alle Menschen mit Behinderungen bezahlt werden. Und ihr kennt ja unsere Politik und ihre Präferenzen …

Und wenn wir jetzt einfach mehr Dolmetscher ausbilden?
Die sollten schon staatlich geprüft bzw. diplomiert sein, um ein gewisses Niveau zu garantieren. Kein Problem! Lasst es sie halt studieren. Werfen wir doch einmal einen Blick auf die möglichen Studienorte: Berlin, Zwickau, Hamburg, Magedeburg-Stendal. Schön. Alle im Norden und Osten. Rückfluss gibt es aber keinen. Aus welchem Grund auch immer.
Aus dem Grund wurde angeregt, einen Studiengang Gebärdensprache einzuführen. Momentan wird es aber noch vom Wissenschaftsministerium blockiert (ich kann leider nicht mit einer öffentlich zugänglichen Quelle dienen :-/). Vielleicht bewegt sich da ja noch etwas.

Wo wir gerade beim Thema Politik sind: Wenn euch die Menschen mit Behinderungen ein Anliegen sind, geht doch bitte wählen! … oder mischt euch selber in die Politik ein und werdet aktiv. Denn die Herren und Damen in den Anzügen brauchen euch. Ihr seid nah genug an den Betroffenen, um qualifizierte Aussagen zu treffen. Andernfalls kann nur gemutmaßt werden. Und wir ihr oben seht, geht das nicht immer in die richtige Richtung.
Danke für’s Lesen! 🙂

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2 Gedanken zu “Arbeitsassistenz – Braucht man das?

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