In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Ich bin ein Träumer. Oder Idealist. Oder Pragmat. Oder alles zusammen.

Jedenfalls bekomme ich den Eindruck, dass ich einige Äußerungen von mir auf Twitter ausführlicher erläutern sollte, als es in 140 Zeichen möglich ist.

Und zwar könnte man mir unterstellen, links zu sein. Ja, das bin ich. Weil ich mit „links“ in erster Linie „sozial“ und „solidarisch“ verbinde. Das bedeutet, man beutet sich nicht gegenseitig aus und steht füreinander ein. Von daher träume ich auch von einem Europa. Ein Europa, in dem man sich gerne gegenseitig hilft. Einem Europa, in dem dies eine Selbstverständlichkeit ist. Aber auch ein Europa, in dem niemand ausgegrenzt wird. Weder Ausländer noch Menschen mit Behinderungen, noch Flüchtlinge, noch Whistleblower.

Denn diese tragen oftmals wertvolle Schätze mit sich. So ein anderer Blick auf die Gesellschaft hat etwas bereicherndes.

Mein Spanisch-Lehrer stammt aus Venezuela. Er hat mit damals auch ein wenig Japanisch beigebracht. Ein Satz wird mir in Erinnerung bleiben. Ich mag ihn hier sinngemäß wiedergeben:

Jede Sprache hat einen kulturellen Hintergrund. Anhand der Wörter kann man erkennen, was den Menschen wichtig ist. Spanisch wird ja gerne als eine Art „Macho-Sprache“ gesehen, weil wir so viele Wörter für Gefühle haben. Ihr Deutschen arbeitet gerne: Vorarbeiter, Nacharbeiter, Schichtarbeiter, … Im Spanischen gibt es dafür nur ein Wort. Bei den Japanern ist die Hierarchie sehr wichtig, wie man an den Bezeichnungen für die Ansprachen sehen kann.

Er hat Recht. Auch wenn mir das Vokabular durch Nicht-Gebrauch allmählich abhanden geht, finde ich diese Einsicht doch sehr wertvoll. Momentan lerne ich die Deutsche Gebärdensprache. Das ist nicht nur ein Herumgehampel, sondern hat wirklich eine Struktur. Man kann sogar musizieren mit ihr, schaut her:

Was ich mir nicht vorstellen kann, ist eine Revolution. Ich weiß und lese immer wieder vom sogenannten Schwarzen Block und der Antifa. Sicher, es ist richtig, gegen Rechts aufzubegehren. Denn diese Geschichte darf sich einfach nicht wiederholen! Wenn ich dann allerdings Forderungen der MLPD lese, alle faschistischen Organisationen zu verbieten, klingt das für mich wie „verbietet bitte unsere politischen Gegner am anderen Ende des Spektrums“. Aus den Wahlergebnissen kann ich ablesen, dass diese linksextremen Bewegungen nicht viel Rückhalt finden in der Gesellschaft, aber Deutschland hat nicht nur eine Nazi-Diktatur erlebt … Und außerdem: Wer sagt mir, dass die Revolution dann so verläuft, wie es sich ihre Iniatioren gewünscht haben?

Gestern habe ich auf Twitter auch ein wenig darüber diskutiert. Besonders Sorge bereitet mir, dass ich so wenig über die DDR-Zeit weiß.

Wenn ich mit Zeitzeugen rede (zum Beispiel meine Eltern oder älteren Nachbarn), bekomme ich oft Aussagen wie:

In der DDR war ja nicht alles so schlimm. Wir hatten immerhin alle Arbeit und standen füreinander ein.

Überspitzt könnte ich auch sagen:

Adolf Hitler war doch gar nicht so schlimm. Immerhin hat er Autobahnen gebaut.

Stimmt, aber das hat auch eine Vorgeschichte. Worum es mir geht, ist eine gründlichere Aufarbeitung dieser Epoche deutscher Geschichte. Sonst kann es passieren, dass immer weniger Schüler über diese Zeit verklärt werden. Beobachte ich an mir auch. Ich wollte in meinem letzten Beitrag belegen, dass SED-Funktionäre heutzutage auch in anderen Parteien sitzen, habe aber dazu nichts gefunden bei Recherchen. Stattdessen stolperte ich über eine Studie der FU Berlin, die belegte, dass das Geschichtswissen der Deutschen alarmierend sei. Dies könnte dazu führen, dass diese Menschen nicht mehr in der Lage sind, zwischen Diktatur und Demokratie zu unterscheiden. In meiner Schulzeit wurde auch nur einmal die DDR-Geschichte kurz behandelt. Dafür mussten wir drei Mal die NS-Zeit durchkauen. Hier würde ich mir eine andere Gewichtung wünschen.

Im letzten Piratentalk ist auch Gesellschaftskritik aufgekommen.

Ich würde mich freuen, wenn es weitergeht. Insbesondere kann ich mir vorstellen, dass der Moderator einen gewichtigen Beitrag dazu leisten kann. Ich stelle nämlich fest, dass viele Menschen meines Alters, also Mittzwanziger, durchaus auch Wähler der Linken sind. Und deren Geschichte nicht unbedingt reflektieren. Hier würde es mich interessieren, wie die Erwachsenen die DDR und den Ost-West-Konflikt erlebt haben. Das könnte vielleicht ein wenig Klarheit statt Verklärung bringen …

Ich erinnere mich an einem Fall, als an unserer Schule die Polizei Flyer verteilten, die gegen Rechts aufklärten. Hintergrund waren Musik-CDs mit rechtem Gedankengut, die kurz vorher aufgetaucht waren. Finde ich gut, dass Aufklärung betrieben wird. Wenn ich dann allerdings auch an den G8-Gipfel in Deutschland denke, und dass der Schwarze Block sich Schlachten mit der Polizei leistete, graut’s mich. Ich muss sagen, dass ich mich mehr vor der Antifa fürchte als vor den Neonazis. Weil ich weniger über sie weiß. Beide Extremisten sind in Schach zu halten, aber ich habe den Eindruck, dass nur vor Gefahren aus einer Richtung gewahrt wird. Hast du mehr Informationen dazu? Würde mich über Literatur freuen.

Demonstrationen erzeugen in mir auch immer ein mulmiges Gefühl. In letzter Zeit lese ich gelegentlich davon, dass die Polizei gewaltsam eingreift und hinterher nichts gewusst haben will. Oder auch mit Pfeffergas u.Ä. auf die Demonstranten losgeht. Oder sie wegsperrt. Tut mir Leid, kann ich mir nicht leisten. Dann muss ich meine Meinung eben auf anderem Wege kund tun.

Damit ich über ein Thema mitreden kann, lese ich mir gerne Grundlagenwissen dazu durch. Ich hab zwar gehört, dass er nicht leicht sein soll, aber die Werke von Marx und Engels will ich mir auch noch einmal zu Gemüte führen. Mit der Bibel bin ich ja auch schon einmal durch, weil ich mit Chisten diskutieren wollte. Sonst redet man ja aneinander vorbei 😉

Auf Twitter habe ich auch schon einige Menschen kennen gelernt, die ziemlich links denken. Nachdem ich dann einige Verweise auf Wikipedia erhalten habe, bekomme ich den Eindruck, dass es sich hier vor allem um philosophische Themen handelt. Diese sind nicht unbedingt so leicht zu verstehen … Mal schauen, was persönliche Gespräche ergeben. Ich mein, Rocker/Metaller sehen ja auch böser aus als sie sind. Da können die Punks doch nicht so schlimm sein, oder? 🙂

Ich träume. Von einem Europa, indem Menschen mit Behinderungen als gleichwertiger Teil der Gesellschaft betrachtet werden. Gehörlose schwärmen oftmals von den USA oder Skandinavien. Die gehen pragmatisch an diese Unterschiede heran. So etwas wünsche ich mir auch für Deutschland. Aber wir sind bestenfalls am Anfang. Es gibt noch sehr viel zu tun. Insbesondere geht es um Aufklärung und Sensibilisierung. Auch von Bloggern, Politikern und Journalisten. Damit Behinderungen nicht für Schimpfwörter herhalten muss.

Aber irgendwer muss ja einmal anfangen, oder? Bist du dabei?

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