Inklusion in der IT

Gestern fand die Veranstaltung „Inklusion und Medien“ statt. Dabei geht es darum, welche Möglichkeiten es gibt, Menschen mit Behinderungen Zugang zum gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Ich denke, dass die IT hierbei auch ihren Beitrag leisten kann.

Aber zunächst einmal: Was ist Inklusion?

Ein Auszug aus der Wikipedia:

Inklusive Pädagogik ist ein pädagogischer Ansatz, dessen wesentliches Prinzip die Wertschätzung und Anerkennung von Diversität (=Vielfalt) in Bildung und Erziehung ist.

Wo liegen denn die Barrieren?

Ich weiß nicht, ob ihr euch ab und zu einmal mit nem Laptop in eine Bibliothek setzt. Um zu arbeiten, natürlich. Mir fallen dann auch immer wieder Leute auf, die eine — wirklich — geringe Auflösung bei ihrem Computer eingestellt haben und dann trotzdem noch mit Bildschirmlupe und Vergrößerungsglas zehn Zentimeter vor dem Bildschirm kleben, um Text lesen zu können. Das ist ein Beispiel einer Barriere.

Sprachbarrieren

Historische Schritte auf dem Weg zur Inklusion auf gesellschaftlicher Ebene
„Historische Schritte
auf dem Weg zur Inklusion
auf gesellschaftlicher Ebene“
von Robert Aehnelt (CC-BY-SA)

Habt ihr schon einmal irgendeinen supertollen Blogbeitrag gelesen, den ihr unbedingt teilen möchtet mit euren Freunden? Ich kenne Menschen (v.a. 30+), die des Englischen nicht mächtig sind. Für sie ist der Inhalt verloren. Es sei denn, er liegt übersetzt vor. Aber dazu braucht es entweder die Einwilligung des Rechteinhabers bzw. Autors oder eine Lizenz wie die Creative Commons Lizenzen, die einem die Verbreitung und Bearbeitung erlauben. Darum stehen meine Artikel unter einer: Ihr seid eingeladen, sie zu verbreiten, anzupassen und auch abzudrucken. Mir sind die Themen wichtig genug, dass ich sie teilen möchte. Es gibt also auch Sprach-Barrieren.

Kennt ihr Menschen mit einer geistigen Störung? Oder einer Sprachstörung? Sie werden gerne als „blöd“ dahingestellt. Übrigens ist Blödheit auch schon definiert und wird heutzutage sinnentstellend gebraucht. Ich möchte mich daher entschuldigen, es hier auch landläufig als Schimpfwort gebraucht zu haben. Es zeigt nur, wie wenig über unsere Wortwahl reflektiert wird. Ich bin auch gerade dabei, mir eine bewusstere Formulierungsweise anzugewöhnen.
Oftmals werden diese Menschen ja leider in Stadtvierteln (bzw. Behindertenwerkstätten, Sonderschulen, …) „weggesperrt“, weil wir dieses „Leid“ nicht sehen wollen. Finde ich schade. Denn bei unserem Fachkräftemangel, der ja allseits beklagt wird, können wir es uns nicht leisten, eventuelle Perlen vor die Säue zu werfen. Mitunter gibt es Menschen in dieser Gruppe, die ja das Talent zum Designer haben. Oder zum Programmierer. Oder zum Astrophysiker. Hier besteht die Barriere darin, dass die Sprache zu hoch ist. Also brauchen wir mehr Angebote in „Leichter Sprache„. Denn nur so können wir ihnen Wissen vermitteln, um ihre Persönlichkeit und Talente entfalten zu können. Persönlich sehe ich hier auch Potential in OERs. Ich habe von daher auch vor Kurzem die Mailingliste der Open Education Working Group unterschrieben.

Zur Umsetzung

Jetzt hör ich von Unternehmen schon die Klagen, dass es alles zu teuer ist und das KnowHow fehlt.

Ja, sie haben Recht. Es ist teuer. Nicht zuletzt daher, dass die Kundengruppe so klein und heterogen ist. Von daher mache ich mir keine Illusionen (aber Hoffnungen), dass es im Privatsektor bald umgesetzt sein wird. Aber ich kann mir vorstellen, dass wir Leute ausbilden und schulen, die im Öffentlichen Bereich tätig sind. Seien es IT-Abteilungen von Ämtern oder Versorger des Öffentlichen Nahverkehrssystems. Denn auch hier gibt es noch unnötige Barrieren.

Akustische Barrieren

Vor Kurzem fand der Tag der Gebärdensprache im Großraum Stuttgart statt, Thema war „Arbeitsassistenz„. Julia Probst hat in der Podiumsdiskussion unter Politikern erzählt, dass sie Angst hat, Aufzüge zu benutzen. Wieso? Weil sie gehörlos ist. Warum ist das ein Problem? Ich möchte euch bitten, beim nächsten Mal den Fahrstuhl näher zu inspizieren. Macht euch Gedanken, was passiert, wenn es zu einem Defekt kommt. Sagen wir, der Aufzug bleibt stecken. Ja, da prangt dieses gelbe Knöpfchen an der Amatur. Aber hoppla, es ist ja eine Gegensprechanlage! Könnt ihr mir erklären, wie man als Gehörloser hier Anweisungen entgegenehmen soll? Lippenlesen ist ja nicht. Selbiges übrigens auch in vielen Zügen, wenn man Kontakt zum Fahrer aufnehmen möchte …

Wo wir gerade beim Thema „Züge“ sind. Eine gehörlose Freundin hat mir letztens berichtet, wie sie längere Zeit an einer U-Bahn-Station auf den Zug wartete. Es stellte sich heraus, dass es einen Unfall am Gleis gab und die Züge ausfielen. Natürlich wurde das auch den Fahrgästen an den Stationen gemeldet. Per Lautsprecherdurchsage.
Idee: Wir verpflichten alle Personenverkehrsdienstleister dazu, Störmeldungen auf die Anzeigetafeln zu bringen oder Personal dafür abzustellen. Und zwar ergänzend zu den Lautsprecherdurchsagen. Ansonsten haben die Blinden ein Problem …

Visuelle Barrieren

Ich persönlich nutze gerne unter Linux dunkle Themen. Also weißen oder bunten Text auf schwarzem Hintergrund. Firefox erbt dabei die Systemeinstellungen. Nun gibt es so geistreiche Webdesigner (und das nicht zu knapp), die davon ausgehen, dass alle ihre Besucher helle Themen und am besten noch Windows verwenden. Tjoar, Problem ist für mich dann, dass ich dunkelgrauen Text auf schwarzem Hintergrund präsentiert bekomme …

Webdesign

Aber es geht noch weiter: Nehmen wir an, ihr hättet eine Farbsehschwäche. Die verbreiteste ist eine Rot-Grün-Farbblindheit. Stellt euch jetzt einmal vor, ein toller Designer legt wert auf krassen Farbkontrast und hebt seinen roten Text mit einem grünen Hintergrund ab … Der Text ist unlesbar für diese Menschen! Besonders gerne werden solche farbigen Hervorhebungen auch zur Markierung in der Navigation eingesetzt, weswegen der W3C hier fordert, dass Anweisungen (Nimm die rote Pille!) nie von der Farbe allein abhängen dürfen. Hier könnte man zusätzlich noch ein Icon oder Formatierung einsetzen. Schöne Exemplare in freier Wildbahn wurden mit dem Biene-Award ausgezeichnet.

Wo ich gerade bei Farbblindheit bin, möchte ich die Blinden nicht vergessen. Die supertollen Webdesigner entwickeln nämlich gerne mit Rastern. Dann gibt es oftmals ein zwei- oder dreispaltiges Design. Für einen Screenreader ist dann aber der Quellcode nur sichtbar. Und der ist streng linear. Von daher muss auf die Reihenfolge im Quellcode geachtet werden. Daneben ist auf Semantik zu achten. Wenn über einen Screenreader beispielsweise Links aggregiert werden, hilft ein „Weiterlesen“ oder „hier“ nicht wirklich weiter. Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass es mir nicht als Benutzer eines WordPress.com-Blogs möglich ist, den „Weiterlesen“-Link umzubenennen. Beschwert euch beim Ersteller des Themes 😛

Ein weiterer gern gemachter Fehler ist das alt-Attribut von Bildern dumm zu befüllen. Dann kommen dann so Sachen wie „grüner Pfeil nach Links“ und dergleichen rein. Die natürlich brav vom Screenreader vorgelesen werden. In solchen Fällen lasst den String doch lieber leer. Leerzeichen werden teilweise nämlich auch vorgelesen. Persönlich überlege ich mir, welche Information anstelle eines Bildes stehen sollten, wenn dieses nicht geladen werden kann. Denn genau diese Information gehört ins alt-Attribut. Wer einen hübschen Hover-Text haben möchte, soll diesen in das title-Attribut stecken. Zum Weiterlesen möchte ich euch „Barrierefreies Webdesign“ ans Herz legen. Es gibt auch eine Sammlung von Literatur.

Webdevelopment

Aber lassen wir die Webdesigner einen Moment in Ruhe und wenden uns den Webentwicklern zu. Diese begehen auch gerne Schnitzer. Ich sehe beispielsweise gelegentlich Websites, die komplett über JavaScript injiziert werden. Ähm, ein Screenreader kommt ganz schlecht mit JavaScript klar. Der Text ist daher quasi nicht vorhanden. Bitte nur Inhalte injizieren, die nicht kritisch sind. Stellt doch einmal JavaScript aus und prüft auf Bedienbarkeit.

Apropos Bedienbarkeit: Poweruser benutzen auch gerne die Tastatur zum Durch-Tabben einer Website. Von daher sollten alle Links und Formularelemente mit der Tastatur angesteuert werden können. Das hilft dann ganz nebenbei auch denjenigen, die auf alternative Eingabegeräte angewiesen sind. Persönlich kenne ich vom Sehen her nur Stephen Hawkings, aber ich habe über Benutzer gelesen, die einen Computer über Zungenbewegungen, Blinzeln oder den Großen Zeh bedienen. Und jetzt stellt euch einmal Tastenkombinationen ala Emacs vor … Alle Betriebssysteme erlauben alternative Eingabehilfen. Aber die feine Art ist es nicht.

Wunschvorstellung

Ich würde mir also folgendes wünschen:

  • Programmieren von Anwendungen, die „unaware“ von Ein- und Ausgabegeräten sind, d.h. die nicht ein bestimmtes Gerät voraussetzen. Blinde können sich Text auch auf einer Braillezeile ausgeben lassen und dann den Inhalt erfühlen 😉
  • Berücksichtigung von „Accessibility-Guidelines„, das sind die Hinweise zum barrierefreien Implementieren. Einige Punkte habe ich oben aufgezählt. So kann Assistive Technologie auch mit Interprozess-Kommunikation zusammenarbeiten.
  • Einladen von Test-Benutzern dieser Menschen mit Behinderungen. Denn diese können am ehesten aufzeigen, wo sie auf Barrieren stoßen. Also holt euch einen Blinden, einen Gehörlosen, einen Gelähmten und einen Menschen mit geistiger Behinderung in’s Haus. Nee, ernsthaft jetzt, Arbeit mit Menschen mit Behinderungen kann echt Spaß machen. Die haben eine krass andere Sichtweise auf die Dinge.
  • Investiert Zeit und Geld in den Aufbau von KnowHow. IBM macht es hier schon ganz gut. Aber auch OpenSource-Projekte wie Orca Screenreader freuen sich auf Unterstützung.
  • Bietet alternative Styles an auf den Websites. Beispielsweise „Hoher Kontrast“ (Gelb auf Dunkelblau?). Es gibt doch bei größeren Unternehmen die Möglichkeit, sich den Auftritt in Englisch, Spanisch, Französisch, … anzuschauen. Warum dann nicht auch in Leichter Sprache oder Gebärdensprache? Ich habe oben bereits auf den Biene-Award hingewiesen. Seiten mit dieser Auszeichnung können euch als Anregung dienen. Daneben bietet Hurraki Anleitungen an.

Es kann und darf doch nicht am Geld scheitern. Zumindest nicht im Öffentlichen Bereich. Seid Vorreiter auf diesem Gebiet. Ich weiß von Entwicklern in anderen Teilen der Welt, die sich auch für Barrierefreies Programmieren interessieren. Vielleicht kann ich sie dazu bringen, ihre Kenntnisse auch auf English zu verbloggen.

Das Wissen und die Technik sind auf jeden Fall bereits vorhanden. Ebenso ausgebildete Netzwerke. Nur leider bleiben diese meist unter sich. Ich selber bin dabei, mir solche Ressourcen zusammenzutragen und werde darüber berichten. Anlaufstellen landen dann auch in den Seiten (zu finden oben).

Denn immer nur fordern, fordern, fordern ist auch unproduktiv. Besser vormachen, wie es richtig geht. Speziell habe ich mich auf den Bereich der Schwerhörigkeit eingeschossen. Aber ich bin mir auch bewusst, welche anderen Nutzergruppen es zu berücksichtigen gilt.

Sowie ein gewisses KnowHow eingeübt ist, möchte ich daher gerne auf Verlage zu gehen. Diese können durch ihre Bücher den Nachwuchs anleiten, wie es richtig geht. Ein anderer Ansatz bietet sich bei den CMS wie Drupal, Joomla! oder TYPO3. Ich bin mir sicher, dass sich Vorlagen so gestalten lassen, dass barrierearme Seiten erstellt werden können. Dann kommt es auf die Schulung von Redakteuren an, diese Systeme korrekt einzusetzen.

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