Von der Schule und dem Kindergarten

Ich war am Freitag bei einem Laternenfest unseres Schwerhörigen-Kindergartens. Es gab Theaterstücke, warmes Abendessen und einen kurzen Umzug.Allerdings hat es mich ziemlich traurig gestimmt. Ich möchte in diesem Beitrag also über folgendes schreiben:

  1. Situation im Kindergarten
  2. Die Hintergründe
  3. Ausblick auf die Schulzeit

Situation im Kindergarten

Man darf davon ausgehen, dass in einer Einrichtung für Schwerhörige und Gehörlose deren Muttersprache angeboten wird: DGS, also Deutsche Gebärden-Sprache. Ist aber nicht. Im abgelaufenen Kindergarten-Jahr gab es noch einen Erzieher, der zumindest halbwegs gebärden konnte. Diese wurde jetzt versetzt. Die neue Leitung ist nicht gebärdenkompetent (!). Und die ehemalige Leitung ist jetzt als Erzieherin tätig. Gebärden kann sie unterstützend. Für weitere Kurse fehlt das Geld.

So bleibt also eigentlich nur die gehörlose Gebärdenmuttersprachlerin, die als pädagogische Inklusionshilfe tätig ist. Immerhin etwas.

Ich mein, ich kann verstehen, wenn man versucht, den Kindern Deutsch beizubringen. Da draußen gibt es nur allzu viele Menschen, die Hörgeschädigte abkanzeln, weil sie nicht sauber sprechen können (wenn überhaupt).

Andererseits würde ich mir gerade in Einrichtungen mit Schwerpunkt auf Hörschädigung Gebärdenkompetenz wünschen. Aber hier werden Kurse nicht bewilligt, wird auditiv (= hörend) erzogen, werden Eltern davon abgeraten, ihren Kindern Gebärden zu vermitteln, weil es ja nicht die Muttersprache der Eltern ist (!).

Und gerade deswegen engagiere ich mich: im Elternbeirat als Leitung, bei der Piratenpartei in der AG Barrierefreiheit, im Blog als Aufklärer und Vermittler. Weil ich diesen Zustand für nicht haltbar halte. Das geht so nicht!

Die Hintergründe

Zu den Gründen: Die Ausbildungen in Gebärdensprache sind im Süddeutschen Raum eher spärlich. Es gibt meines Wissens nach nicht einmal eine Handvoll Plätze. Und dann stuft sich der Abschlussgrad auch noch ab. So, und wenn es jetzt kaum Ausbildungsangebote gibt, folgt eine von zwei Konsequenzen:

  1. Die Interessierten ziehen weg.
  2. Es gibt weniger gebärdenkompetentes Personal.

Erstens tritt allzu oft ein – und die Leute kommen auch nicht wieder zurück. Und dies verstärkt nur noch den zweiten Punkt. Wenn es kein Personal gibt, dann ist das Angebot mau und es gibt noch weniger Interessierte (da Berührungspunkte fehlen), weswegen das Angebot noch knapper wird …

Immerhin wurde es schon auf dem Tag der Gebärdensprache angesprochen. Die Politiker sind zumindest also darüber informiert. Jetzt muss man dran bleiben!

Ausblick auf die Schulzeit

Mich graut’s ein wenig davor. Da steht zunächst einmal die Entscheidung an, sich zwischen einer Sonderschule und einer Regelschule zu entscheiden. Und dann gibt es noch das soziale Umfeld und Karriereplanung und das alles zu berücksichtigen. Aber der Reihe nach!

Sonder- oder Regelschule?

Beides hat seine Vor- und Nachteile.

So kann ich davon ausgehen darauf hoffen, dass in einer Sonderschule vermehrt auf die Gebärdensprache eingegangen wird (je nach Kompetenz des Lehrpersonals). Immerhin wurde die Sprache ja anerkannt. Wenn ich mich aber mit den Sonderschullehrern unterhalte, an der unser Kindergarten angegliedert ist, wird mir schwummrig. Wie ich oben ja erwähnte, wurde uns schon nahegelegt, unser Kind lautsprachlich zu erziehen. Aber was soll ich denn machen, wenn beispielsweise die Hörgeräte ausfallen? Selbst ein Cochlear Implantat, also diese Hörprothese, auf die so viele Ärzte drängen …, würde nicht durchweg laufen 😉 Ich möchte ein Fallback-Lösung haben. Man kann natürlich immer noch umziehen … aber das muss dann auf die Arbeitswelt angepasst werden (Hinbringen, Abholen, Freizeitgestaltung … ihr wisst schon). Was für mich sehr stark gegen Sonderschule bringt: Die Kinder werden nicht auf das Leben vorbereitet.

Okay, vielleicht beherrscht es anschließend dann die Gebärdensprache fließend. Und dann? Welchen Abschluss kann man erreichen? Laut Wikipedia alle, die auch an einer Regelschule abgelegt werden könnten. Wo gibt es die? Das weiß der Bildungsserver! Sieht ziemlich breit gefächert aus. Ich erstell bei Gelegenheit einmal eine Karte dazu 🙂

Auf der anderen Seite vermute ich, dass der Abschluss einer Regelschule bei potentiellen Arbeitgebern eher respektiert wird (weil Vorurteile dann erst auf dem zweiten Blick aufploppen). Daneben ist meine Tochter gezwungen, sich Strategien für den Umgang in einer hörenden Welt zurechtzulegen. Das kann ihr nur zugute kommen.

Von anderen Eltern höre ich die Möglichkeit, einen extra Sonderschullehrer in den Unterricht zu nehmen, oder einen Gebärdensprach-Dolmetscher zu beantragen (die Qualifikation eines Gebärdensprach-Assistenzen reicht hier nicht aus). Da schauen wir einmal, wie aufgeschlossen die Ämter hier sind 🙂 Ansonsten stehen langwierige Rechtsprozesse aus …

Und dann gibt’s ja noch diese Horrorgeschichten! Die ZEIT berichtete im Mai darüber ausführlich. Und es erinnert mich an einen Beitrag im Atlantic aus dem September. Immer mehr, immer schneller und immer besser. Hausaufgaben, Schulzeit, Pauken … und am besten das ganze noch behalten. Unter uns: Das klappte bei mir nicht einmal mit allem aus dem Studium.

Ich muss Zeit dafür haben, nachzudenken … nachzuvollziehen. Fragen zu stellen: Warum ist das so? Wie kamen die früher darauf? Warum geht es nicht auch anders?

Aber das wird nicht berücksichtigt. Es fängt schon im Kindergarten an: Da wird der Tag komplett durchgeplant. Weil, Kinder mit Behinderungen brauchen ja Struktur. Und so. Und das alles.

Das wird noch etwas … da sollte ich mich vielleicht doch einmal mit Frau Elschenbroich in Verbindung setzen. Sie schrieb über das Weltwissen der Siebenjährigen. Auf der anderen Seite möchte ich gerne Offene Lehrmaterialien (sogenannte OERs) für Gebärdensprachler entwickeln. Auf Webbasis. Dafür hab ich mich auf die Mailingliste der Arbeitsgruppe der Open Knowledge Foundation eingeschrieben. Mal schauen, was sich daraus entwickelt.

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