Unser digitales Vermächtnis

Mir liegt das Nachfolgende jetzt schon länger auf der Seele. Und ich hab, ehrlich gesagt, Beklemmungen, es zu veröffentlichen. Andererseits mag es viele andere geben, die sich auch nicht trauen …Es kommen mehrere Auslöser zusammen. Da wäre eine Diskussion auf Google+ zum Thema „Umgang mit Accounts verstorbener“. Ich hab meine Logs gelöscht, so dass ich nicht mehr darauf linken kann.

Ich hab mich erst Mittwoch wieder daran erinnert, als ich mich in’s #EdChatde auf Twitter einklinkte – Thread ab:

Heute hab ich es geschafft, mir „The Internet’s Own Boy“ anzuschauen:

Es ist leider zu groß, so dass ich keine Kopie hochladen kann (1.2 GiB > 1.0 GiB kostenfreier Upload bei WordPress). Aber nehmt euch einmal den Abend. Sind ja gerade eh bei Reformationstag/Allerheiligen, da passt die Zeit 😉

Aaron war in etwa mein Alter (Geburten liegen drei Jahre auseinander). Sein Todestag fällt sogar auf meinen Geburtstag. Auch in dem Bereich, für den wir uns interessieren, liegen wir beieinander: Open Access, Programmieren, Netzwerken, Politik, …

Ich hab ihn leider nicht kennengelernt, kenne aber seine Produkte. Wie viele andere „Hacker“ konnte er schon als Teenager loslegen, wobei ich erst mit ca. 20 Jahren die Liebe am Programmieren entdeckte.

Es ist toll, was sich mit Computern alles anstellen lässt. Und ihre Bedeutung wächst zunehmend! Ich finde ein grundlegendes Verständnis daher wichtig. Wir sollten unseren Kindern und uns programmieren beibringen! So schwer ist es nicht. Und es macht Spaß!

Wenn ich jetzt allerdings sehe, wie Forscher an unserer Uni mit MatLab arbeiten, dann werd ich wütend. Für die, die es nicht wissen, MatLab ist eine Programmiersprache, die gerne unter Ingenieuren verwendet wird, weil sie gut die Probleme modelliert. Mich stört das Lizenzmodell, insbesondere, dass mein Code nach einem Jahr nicht mehr ausführbar ist (wenn ich nicht zahle). Projekte wie GNU Octave, die die Implementierung nachbauen, kommen nicht schnell genug hinterher, um benutzbar zu sein.

Ich bemüh dabei gerne das Beispiel von internationaler, kollaborativer Forschung: Wenn ich jetzt eine proprietäre Sprache und vielleicht noch ein binäres Dateiformat (sagen wir: MatLab + Microsoft Word) verwende, zwinge ich alle Beteiligten dazu, auch Lizenzen zu erwerben. Schlimmer noch: Wenn später jemand die Früchte meiner Arbeit nutzen wollte (so verstehe ich zumindest den Forschungsbetrieb …), muss er sich auch die Lizenzen erwerben, um die Resultate nachvollziehen zu können? Von Journalen hinter Paywalls fange ich gar nicht erst an …!

Wie ist eigentlich Einstein als Patentbeamter an die wissenschaftlichen Dokumente gekommen?

Von daher finde ich Projekte wie OKF oder OpenAccess sehr spannend und wichtig und bitte Kommilitonen, die kurz vor dem Abschluss stehen, ihre Arbeiten frei zugänglich in’s Netz zu stellen! Meistens stellt das kein Problem dar.

Aber kommen wir zurück zu den Kids.

Ist euch schon einmal aufgefallen, wie pfiffig und kreativ sie sind? Mit entsprechendem Zugang können wir noch auf so einiges hoffen. Ich erinnere mich an einem Beitrag, wo er 15jährige Sohn im renommierten Journal als Co-Autor seines Vaters erwähnt wurde. Warum? Weil er mit Python einen wissenschaftlichen Beitrag zur Astrophysik leistete. Mit 15!

Ich liebe den Blog Girl’s Can’t Code aus Finnland! Ein kleines Mädchen lernt Programmieren (selbstredend mit Vim :)). Spitzenmäßig!

Ich selbe ärgere mich aber schon. Es gab mal jemanden, die mir von Google+ auf Xing folgte. Nun muss ich dazu sagen, dass Xing für mich rein einen beruflichen Zweck erfüllt. Ich will keine Chats etc. dort führen. Sie sah das offenbar anders und warf mir schlussendlich mangelndes Selbstbewusstsein vor. Mittlerweile ist ihr Account dort abgemeldet.

Aber sie hat Recht. Je nachdem, was man unter Selbstbewusstsein versteht, kann ich dem zustimmen. Ich bin mir bewusst, wo meine Grenzen liegen, denn ich erahne, was ich alles nicht weiß. Ich mag es auch nicht, mit meinen Fähigkeiten zu prahlen. Es passt nicht zu mir. Ich mache mir ernsthaft Sorgen, dass ich deswegen keinen Job finden werde. Weil ich nicht gut genug bin.

Ich mein, okay, ich kann programmieren. Aber diese Informatikerin dort, sie kann das bestimmt 10x besser als ich.
Ich mein, okay, ich versteh etwas von Wirtschaft. Aber dieser BWLer dort, der hat seinen Abschluss mit Auszeichnung gemacht.

usw. usf.

Ich hab Angst davor, irgendwo als Zahnrad im Getriebe zerrieben zu werden.

Aus diesem Grund kommen für mich Konzerne als Arbeitgeber nicht in Frage. Ich muss die Möglichkeit haben, bei Fragen einfach einmal vorbeikommen zu können. Mich mit anderen auszutauschen, ohne jedes Mal einem Bürokratiemonster gegenüber zu stehen. Besseres Gehalt hin oder her. Ich ziehe die Flexibilität und Agilität von KMUs vor.

Habt ihr den Film oben gesehen?

Gegen Ende kommt eine Aussage, dass Aaron selten froh war. „He was not a joyful person.“ Aber sich nicht zu freuen muss nicht gleich auf Depressionen hindeuten. Wenn ich in Gesellschaft bin, beobachte ich mich eigentlich auch dabei, selten zu lachen. Ein Schmunzeln ist das höchste der Gefühle. Mehr als einmal fragte ich mich schon, ob ich eine Depressionen hätte. Aber es treffen nicht alle Symptome zu. Und Antidepressiva könnte ich eh nicht schlucken.

Ich verdräng die Gedanken mit Arbeit. Viel Arbeit. Es ist echt schwer, auch mal ein Projekt abzuschließen. Es gibt halt so viel zu tun. Ich denke, ich sollte dazu übergehen, auch einfach einmal Ideen zu skizzieren, ohne gleich ein Prototyp zu schreiben.

Immerhin bin ich nicht allein. Wenn ich so Blogs lese (viel zu viele abonniert …), dann merke ich, dass so langsam ein Bewusstsein für eine Entschleunigung eintritt. Insbesondere in der Web-Entwicklung achtet man mehr darauf, dass die Arbeit nicht das ganze Leben übernimmt. Aber Getting Things Done erfordert einiges an Disziplin.

Nicht, dass ich sie nicht hätte, aber ich will ja auch andere dazu befähigen, Probleme selbstständig zu lösen. Mich gewissermaßen überflüssig machen. Von daher auch mein Tech-Blog 😉

Um Skills beizubringen, muss man auch vermitteln können zwischen verschiedenen Partnern. Ich steuere grob auf so eine Position zu, weil ich halt Einblicke in verschiedene Welten und Denkweisen gewinnen konnte. Und dienen macht mit Spaß. Also das Abnehmen lästiger Kleinarbeit (wie dokumentieren, testen, übersetzen, Feedback aus der Community/Endnutzerschaft in verarbeitbare Bugs übersetzen etc.). Es verbessert nebenher die Qualität des Codes 🙂

Ich weiß noch nicht, wohin mich das Leben verschlägt. Wegen meines aktuellen politischen Engagements als Mitglied der Piratenpartei und (stellvertrentender) Elternbeiratsvorsitzender könnte ich diesen Beitrag auch in der Zukunft bereuen. Leider wird es ja immer schlimmer mit der Überwachung. Aber ich hoffe, auch einige andere darin unterstützen zu können, zu ihren Problem zu stehen.

Sie gehören schließlich zu ihrer Persönlichkeit dazu.

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Ein Gedanke zu “Unser digitales Vermächtnis

  1. Vielen Dank. Du sprichst mir an einigen Stellen aus dem Herzen. Da heute Allerheiligen ist, ist es auch ein Tag der Besinnung. Ich bin gestern aus Schweigeexerzitien zurückgekommen. Die geben mir einmal im Jahr die Gelegenheit, mit Abstand auf mein Leben zu blicken, ohne im nächsten Moment das Telefon klingeln zu hören. Jetzt werde ich versuchen, die wirklich wichtigen Anliegen meines Lebens nicht wieder unter die Räder kommen zu lassen. Dazu gehört, dass das Coden-Lernen nicht vergessen wird. Ich möchte es wirklich gerne lernen. Aber es gibt momentan Wichtigeres. Das Netzwerken wird immer weitergehen – in meinem Universum, egal auf welchen Wegen. Mein Exerzitienbegleiter hat gesagt, ich dürfe auch Fehler machen. Nicht, dass ich das nicht bereits gewusst hätte. Wie sagte Jesus zu Pilatus: „Du hättest keine Macht, wenn sie dir nicht gegeben wäre.“ Ich vertraue darauf, dass mein Leben sinnvoll ist. Dieses Vertrauen ist nicht anstrengend, es ist in mir. Von Zeit zu Zeit muss ich mich dafür rechtfertigen, dass ich bin wie ich bin, aber das ändert nichts an mir. Nur darf ich mich nicht einschüchtern lassen.
    Ein Gedanke kam mir letztens: ich kann darauf achten, keinen digitalen Müll zu produzieren. Besser Coden lernen und beim Posten zweimal überlegen, bevor ich es absende.

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